Selbstführung beginnt dort, wo Rechtfertigung endet

Frau mit Sonnenbrille vor historischem Steinbogen in sonniger Natur als Symbol für Selbstführung, Entwicklungslust und persönliche Weiterentwicklung.

Diesen Satz habe ich vor kurzem in einem sehr persönlichen Moment und einer emotionalen Reaktion nochmal tiefer verstanden.

Nach einem Frauenabend bekam ich eine Nachricht, die etwas in mir ausgelöst hat.
Sie enthielt keine Kritik, es war nur eine Bemerkung und trotzdem spürte ich sofort Spannung in meinem Körper. Weil ich der Bemerkung aus einem alten Muster heraus eine Bewertung gab.

Mein Oberbauch zog sich zusammen.
Meine Gedanken begannen zu kreisen.
Und mein erstes Bedürfnis war, zu erklären.

Erklären, wie etwas gemeint war.
Erklären, warum ich Dinge so gestaltet habe.
Erklären, welche Haltung hinter meiner Arbeit steckt.

Wenn alte Muster und neue Wege gleichzeitig auftauchen

Kennst du das, wenn das Gehirn plötzlich auf verschiedenen Ebenen einen Gedanken verfolgt?

Es fühlt sich an wie eine Weggabelung und der Gedanke teilt sich.
Ein Teil geht in die eine Richtung: bekannt, vertraut, übliche Verhaltensmuster und Reaktionen kommen an die Oberfläche. Ein anderer Teil des Gedankens geht in eine andere Richtung. Manchmal auf Metaebene, Zoom raus. Manchmal auf einen noch unentdeckten Trampelpfad, der wenig ausgetreten und kaum sichtbar erscheint.

Das war so ein Moment.
In dem wurde mir bewusst:

Erklären kann Verbindung schaffen.
Erklären kann Orientierung geben.
Erklären kann Entwicklung fördern.

Und gleichzeitig gibt es Momente, in denen mein Erklären eine völlig andere Absicht verfolgt, einen Versuch darstellt, Sicherheit herzustellen, die Verbindung zu halten und verstanden zu werden.

Meine eigene Absicht verstehen

Entscheidend für mich war, zu erkennen: Welches Bedürfnis steckt hinter meinem Impuls, erklären zu wollen?

Möchte ich verstanden werden?
Möchte ich die Beziehung erhalten?
Möchte ich Harmonie?
Möchte ich, dass mein Gegenüber erkennt, was ich gemeint habe?

Feinfühlige Menschen spüren Spannungen schnell.
Sie nehmen Stimmungen wahr, lesen zwischen den Zeilen und möchten Klarheit herstellen. Häufig aus einem ehrlichen Wunsch nach Verbindung.

Genau darin lag für mich eine wichtige Lernaufgabe.
Bleibe ich bei mir oder verlasse ich mich und beginne zu erklären, um meine aufsteigende innere Unruhe aufzulösen?

Stehe ich zu mir und kann auch den anderen bei sich stehen lassen oder wünsche ich mir, einen Konflikt zu vermeiden, Missverständnissen vorzubeugen und verbiege mich, um Zustimmung und Verständnis zu erhalten?

Der schmale Grat zwischen Verbindung und Anpassung

Was ist die Intention?

Intention entscheidet, ob sich die Aufmerksamkeit plötzlich stärker um das Innen des anderen als um unsere eigene innere Klarheit dreht.

Und schwupps geht es nicht mehr um die Sache, sondern um eine Beziehungsdynamik, die vermeintlich plötzlich im Raum steht.

Kennst du solche Momente? Ich kenne sie.

Als Coachin, Führungskraft und Begleiterin lag mir Erklären schon immer nahe.
Ich liebe Entwicklung. Ich liebe Erkenntnisse. Ich liebe es, wenn Menschen Zusammenhänge verstehen und dadurch handlungsfähiger werden.

Auch in meiner früheren Führungsarbeit habe ich oft erklärt, warum etwas wichtig ist. Nicht aus Kontrolle, sondern aus dem Wunsch heraus, Menschen mitzunehmen und Sinn sichtbar zu machen.

Heute differenziere ich bewusster.
Es gibt einen Unterschied zwischen:
„Ich teile etwas, das hilfreich sein könnte“
und
„Ich brauche, dass du mich verstehst, damit ich mich sicher fühle.“

Der Unterschied liegt weniger in der Wahl der Worte, die ich dabei verwende, als vielmehr in meinem inneren Zustand und dem Bedürfnis, welches hinter meiner Reaktion steckt.

Woran ich meine Muster erkenne

Ist mir meine Absicht bewusst?
Bin ich klar in meiner Haltung?

Woran erkenne ich das, wenn ich mitten in einer Unterhaltung stecke und meine alten Muster mal wieder schneller durch meinen Mund ins Außen geraten, als der nächste bewusste Gedanke gefasst ist?

Manchmal spüren wir Klarheit, Ruhe, Stimmigkeit.

Ein anderes Mal fühlt es sich an wie rudern, ringen, mit Druck im Körper, innerer Unruhe, Rechtfertigungsgedanken, dem Wunsch, etwas geraderücken zu wollen, und dem Bedürfnis, die Beziehung schnell wieder harmonisch zu machen.

Diesen Unterschied wahrzunehmen und bewusst den eigenen nächsten Schritt zu gestalten — in diesem Moment beginnt für mich Selbstführung.

Selbstführung bedeutet wahrnehmen und bewusst entscheiden

Nicht indem wir Gefühle wegdrücken.
Nicht indem wir plötzlich kühl oder distanziert werden, uns verteidigen oder was auch immer dein bevorzugtes Handlungsmuster ist.

Sondern indem wir bemerken:
„Da ist ein Impuls in mir.“
Und kurz innehalten, um wahrzunehmen:

Da ist der Wunsch, alles richtig zu machen.
Da ist der Wunsch, niemanden zu enttäuschen.
Da ist die Hoffnung, über Erklärung Sicherheit herzustellen.

Deshalb beginnt Selbstführung für mich mit wahrnehmen, innehalten und dann bewusst entscheiden.

Ich muss nicht jedem Impuls folgen.
Das verändert Beziehungen enorm.

Freiraum ermöglicht Entwicklung

Beim Frauenabend zum Thema (Selbst-)Verantwortung habe ich genau damit experimentiert.

Normalerweise leite ich Bewegungen stärker an.
An diesem Abend gab es bewusst mehr freie Tanzsequenzen ohne Vorgaben.

Ich sagte zu den Frauen:
„Übernimm die Verantwortung für deine Bewegung oder übergib sie deinem Körper.“

Auch die Abschlussrunde habe ich bewusst anders gestaltet.
Keine vorbereitete Reflexionsfrage, keine Anleitung.
Stattdessen:
„Gestaltet den heutigen Abschluss so, wie ihr ihn gerade braucht.“

Und etwas Wunderschönes ist passiert.
Die Frauen lachten erst kurz verlegen, spürten dann in sich hinein, nahmen sich einen Moment, um sich bewusst zu werden, was sie gerade brauchen, und begannen dann, den gemeinsam gehaltenen Raum zu gestalten und sich selbst eigenverantwortlich und würdig zu führen.
Für sich selbst und für die Gemeinschaft.

Anleitung, Erklärung und Freiraum zur Selbstgestaltung gehören für mich zusammen.

Menschen wachsen auch durch Räume, in denen sie sich selbst begegnen.

Das ist für mich Teil von Entwicklung.

Haltung leben statt erklären

Warum berührte mich die spätere Nachricht so stark?
Weil ich spürte, wie in mir ein alter Mechanismus hochkam, der erklären, korrigieren und regulieren wollte.

Gleichzeitig kam ein neuer Satz in mir auf:
„Ich muss meine Haltung nicht erklären. Ich kann sie leben. Und deine Haltung kann danebenstehen.“

Das fühlt sich für mich nach einer bewussteren Form von Führung an.

Ich lebe meine Haltung:

  • indem ich Räume wertschätzend gestalte und halte,
  • indem ich Unterschiedlichkeit zulasse und den Mehrwert darin sehen kann,
  • indem ich hinhöre und Menschen ernst nehme,
  • indem ich Verantwortung bei den Menschen lasse,
  • und indem ich gleichzeitig klar in meinen Werten bleibe.

Verbindung ohne Selbstverlust

Das bedeutet für mich, Selbstführung und Beziehungen auf Augenhöhe zu führen.

Im privaten Bereich.
In Teams.
In Führung.
In Partnerschaften.
In der Begleitung von Menschen.

Denn echte Verbindung entsteht dort, wo Menschen verschieden sein dürfen, ohne sich selbst zu verlieren.

Vielleicht kennst du solche Momente:
Du möchtest etwas sofort erklären.
Du möchtest Missverständnisse auflösen.
Du möchtest verstanden werden.

Dann lohnt sich vielleicht eine kleine Pause.

Nicht um dich zurückzuhalten.

Sondern um dich zu fragen:
Erkläre ich gerade aus Klarheit oder aus dem Wunsch nach Sicherheit?

Deine Antwort darauf bringt dich dir und deiner Absicht näher und kann im Außen gleichzeitig alles verändern.

Die Wahl zu haben fühlt sich für mich würdevoller an.

Ich darf meine Haltung leben.

Und andere Menschen dürfen ihre eigene Erfahrung machen.